Nordisch tiefsinnig

Norwegen ist dieses Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und an den Literaturtagen Zofingen. Deshalb kann man nun viele herausragende Bücher aus dem literarisch wenig bekannten Land entdecken.

Text: Markus Ganz (aus dem Magazin «Lesen»)

Der Vergleich mit der Schweiz drängt sich in manchen Bereichen auf. Auch Norwegen belegt in internationalen Ranglisten bezüglich Demokratie, Entwicklung und Wohlstand regelmässig einen der vordersten Plätze und verweigert sich einer Mitgliedschaft bei der EU. Flächenmässig ist Norwegen allerdings viel grösser als die Schweiz, sogar als Deutschland, obwohl es eine Bevölkerung von nur 5,3 Millionen Einwohnern hat. Dies erklärt, wieso das Land sehr dünn besiedelt und die Natur noch weitgehend unberührt ist. Wie die Schweiz rühmt sich Norwegen für die Schönheiten seiner Landschaften, die von bis zu 2500 Meter hohen Bergen und bis zu 1300 Meter tiefen Fjorden, aber auch von zerfurchten Küsten und sanften Hochebenen geprägt sind.

 

Von Menschen und Tieren

Wie stark die urtümliche Natur die Norweger geprägt hat, zeigt sich bereits in den Märchen. In «Die schönsten norwegischen Märchen» finden sich eindrückliche Beispiele, die Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe auf dem Land gesammelt und Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals veröffentlicht haben. Da braust der Nordwind gar schauerlich und nimmt gleich den Prinzen mit. Der Held Aschenper sorgt dafür, dass dem König «ein Winter genau ins Gesicht fliegt», so dass sich eine dicke Frostbeule bildet. Und hinterhältige Trolle plagen die Menschen, unterstützt von Tieren und geheimnisvollen Naturkräften.

 

Wer steht vor der Tür?

Heute sind die Menschen den Naturelementen nicht mehr so brutal ausgesetzt, sondern besuchen mit dem Komfort des Tourismus gezielt die landschaftlichen Highlights. Aber nicht nur. In «Die Einsamkeit der Seevögel» erzählt Gøhril Gabrielsen still und doch packend die Geschichte einer Wissenschaftlerin, die Anfang Januar in den äussersten Nordosten des Landes reist. «Hier kommt nichts mehr. Ein endloses Meer, unmittelbar davor Klippen und Berge, zwei Extreme, die unaufhörlich miteinander ringen, bei ruhigem Wetter wie bei Sturm». Hier also will die junge Frau untersuchen, wie sich der Klimawandel auf die Bestände der Seevögel auswirkt. In einem Monolog beschreibt sie, wie sie in der eiskalten Abgeschiedenheit auf die Vögel wartet. Und auf ihren Geliebten, der sein Kommen immer weiter hinausschiebt. Wieso? Sie sinniert darüber, dass sich bei den Seevögeln sowohl Männchen wie Weibchen um die Kinder kümmern. Erinnerungen an das Scheitern ihrer ersten Ehe vermischen sich fiebrig mit Mutmassungen über eine Brandkatastrophe, die in dieser Einöde vor 140 Jahren eine Familie ins Elend gebracht hat. Die Auseinandersetzung mit der Natur wird so immer mehr zu einer existentiellen Auseinandersetzung mit sich selbst. Oder steht da wirklich jemand vor der Tür?

 

Grosses Tier, grosses Problem

Ein anderes Tier hat Norwegen viel stärker geprägt als die Seevögel – und dem Land ein internationales Image-Problem beschert, ähnlich wie das Bankgeheimnis der Schweiz. Es geht um den Wal. Es sind zwar die Öl- und Erdgasvorkommen, die Norwegen zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht haben. Aber Norwegen hat den industriellen Walfang mitsamt Verarbeitung pionierhaft entwickelt und perfektioniert, damit gutes Geld verdient. Und es gehört zu den wenigen Ländern, die noch heute kommerziellen Walfang betreiben, obwohl schon 1880 ein Walschutzgesetz beschlossen wurde. Andreas Tjernshaugen geht das Thema in «Von Walen und Menschen » nüchtern historisch an, indem er akribisch die Protagonisten der Waljagd und ihr oft abenteuerliches Vorgehen beschreibt. Die Wale selbst geraten dabei etwas in den Schatten ihrer Schlächter. Tjernshaugen beeindruckt aber – wie schon bei seinem Bestseller «Das verborgene Leben der Meisen» – auch bezüglich dieser mächtigen Tiere mit detaillierten Informationen und überraschenden Erkenntnissen. Nicht zuletzt zeigt er auf, wie komplex die Geschichte des Walfangs ist.

 

Verlorene Idylle

Das titelgebende Tier spielt im Roman «Ein Hummerleben» keine grosse Rolle. Erik Fosnes Hansen verwendet den Hummer als Metapher dafür, dass es keine Gnade beim Erwachsenwerden gibt. Der knapp vor der Pubertät stehende Ich-Erzähler Sedd beobachtet im Hummeraquarium des Berghotels, das er dereinst übernehmen soll, wie sich die Tiere nichts schenken. Der aufgeweckte Junge realisiert zunehmend, dass nichts bleiben kann, wie es ist. Er muss schmerzlich die Lebenslügen seiner Grosseltern erkennen, wozu gehört, dass so anders als die Gleichaltrigen ist und ohne Vater und Mutter aufwächst. Und dass das Hotel immer schlechter läuft, nicht zuletzt wegen des «verdammten Südens», eine Redewendung, die in Norwegen offenbar für so manches Übel eingesetzt wird.

 

Der überkorrekte Sedd muss sich letztlich eingestehen, dass auch er mehrmals versagt hat. Man kann dies auf Norwegen übertragen. In «Ein Hummerleben», das eigentlich in den 1980er-Jahren spielt, ist von einem Terroranschlag die Rede. Am 22. Juli 2011 kam es dann tatsächlich zu einem Blutbad in Oslo und auf der Insel Utøya. Starautor Jo Nesbø, der mit «Messer» kürzlich den zwölften Band seiner Krimis um den Hauptkommissar Harry Hole veröffentlicht hat, schrieb kurz nach den Anschlägen einen Artikel dazu in der New York Times. Wenige Wochen zuvor sei er noch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg durch Oslo geradelt. Lange habe es ausgesehen, als ob sich nichts ändere an der gesellschaftlichen Idylle. Nun habe Norwegen seine Unschuld verloren.

 

Trotzdem: «Wir sind die Guten»

Die Schockwirkung mag auch mit dem hohen Selbstanspruch der Norweger zusammenhängen. Die mehrmalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland erklärte einmal in einer Neujahransprache: «Es ist typisch norwegisch, gut zu sein». Gemäss der «Gebrauchsanweisung für Norwegen» von Ebba D. Drolshagen widerspiegelt dies, was die Norweger denken: «Wir lassen uns von keinem dreinreden. Wir kommen grossartig allein zurecht. Was sollen wir mit denen im Süden, mit diesem Europa da unten? Wir sind die Guten, na ja, eigentlich die Besten».

 

Tiefe Schuldgefühle

An den hohen Ansprüchen an sich selbst scheitert letztlich auch der Protagonist von Stig Sæterbakkens «Durch die Nacht». Darin erzählt der tugendhaft scheinende Zahnarzt Karl Meyer davon, wie seine Affäre mit einer viel jüngeren Frau viel mehr als nur seine Familie zerreisst. Als der 18-jährige Sohn mit dem Auto absichtlich in den Tod rast, verstärken sich nicht nur die Schuldgefühle. Er merkt, dass er und seine Frau eigentlich nichts voneinander wissen, einander fremd sind: «Menschen, die am Rand eines Abgrundes stehen, kennen sich nicht». Die Lebenslüge erklärt ihm die grosse Leere, die er in sich spürt. Er verliert jeden Halt und versucht sich mit dem Besuch eines geheimnisvollen Hauses zu retten. – Stig Sæterbakken verdichtet das Innenleben von Karl Meyer immer stärker, so dass einem am Schluss des Buches fast die Luft wegbleibt.

 

Menschen und Malerei

Karl Ove Knausgård bezeichnet den 2012 im Alter von erst 46 Jahren verstorbenen Stig Sæterbakkens gilt als «einen der wichtigsten Autoren meiner Generation». Und als solcher gilt er selbst ohne jeden Zweifel. Mit seiner sechsbändigen Autobiographie («Min Kamp») sorgte er international für Aufsehen, spaltete aber auch die Meinungen. Umfasste dieser Romanzyklus fast 4000 Seiten, so mutet sein neustes Buch schlank an. Auf den 288 Seiten von «So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche» wagt er eine – natürlich sehr persönliche – Annäherung an den weltberühmten Maler Edvard Munch und sein Werk. Entstanden ist das Buch anlässlich einer von ihm kuratierten Munch-Ausstellung.

 

Göttliches Leuchten

Die Norweger gelten als redefaul, einige aber sind offensichtlich schreibselig. Der Autor und Dramatiker Jon Fosse, ebenfalls eine internationale Grösse, präsentiert mit «Der andere Name» die ersten zwei von sieben Romanteilen, die zusammen 1550 Seiten umfassen sollen. «Ich habe mir nie den Luxus einer sogenannten Schreibblockade gegönnt», erklärte Fosse dem Journalisten Atle Nielsen. «Ganz im Gegenteil – ich leide unter einem Schreibzwang.» Jon Fosse schreibt musikalisch fliessend, fast schon singend, ohne je einen Punkt zu setzen, einzig Fragezeichen sind nötig – kein Wunder, ist auffallend häufig von Gott die Rede. Wie bei Knausgård dreht sich auch dieses Buch um einen Maler. Dieser will zeigen, was sich hinter dem Gegenständlichen befindet, und ein beinahe göttliches Leuchten zum Vorschein bringen.

 

Drei Nobelpreise

In einer Hinsicht unterscheidet sich Norwegen sehr deutlich von der Schweiz: Es belegt auch auf Ranglisten bezüglich Gleichberechtigung stets Spitzenplätze. Das Wahlrecht für Frauen wurde in Norwegen bereits 1895, wenn auch noch eingeschränkt, eingeführt, 1913 dann voll (in der Schweiz: 1971). Dieser Vorsprung zeigt sich bereits in einem Buch, das vor über hundert Jahren veröffentlicht wurde – und immer noch aktuell wirkt. Sigrid Unset beschreibt in «Viga-Ljot und Vigdis», wie zur Zeit der nicht gerade feministischen Wikinger eine vergewaltigte junge Frau um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit kämpft. Es ist kein Zufall, dass Unsetz mit Bjørnstjerne Bjørnson und Knut Hamsun zu den drei Norwegern gehört, die bisher den Nobelpreis für Literatur erhalten haben.

 

Munter und lebensnah

Zu den grossen weiblichen Talenten von heute wird Helga Flatland gezählt. Mit «Eine moderne Familie» hat die Schriftstellerin in den skandinavischen Ländern den Durchbruch geschafft. Einiges dazu betragen hat vermutlich ihre muntere, lebensnahe Sprache, die sich stark vom schwermütigen Stil vieler männlicher Kollegen abhebt. Aber auch Helga Flatland erzählt von schwierigen Erfahrungen wie Trauer und Trennungen. Tatsächlich erzählt sie in «Eine moderne Familie» davon, wie Toril und Sverre zum Schluss kommen, sich zu trennen – nach 44 Ehejahren. Probleme mit dem Entscheid der beiden 70-Jährigen haben einzig ihre drei erwachsenen Kinder, aus deren unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte entsprechend vielschichtig erzählt wird.

 

 

Die schönsten norwegischen Märchen

Hans-Jürgen Hube (Hrsg.)

231 Seiten

Insel

(Taschenbuch, eBook)

 

Die Einsamkeit der Seevögel

Gøhril Gabrielsen

174 Seiten

Insel

(Hardcover, Hörbuch)

 

Von Walen und Menschen

Andreas Tjernshaugen

256 Seiten

Residenz

(Hardcover)

 

Ein Hummerleben

Erik Fosnes Hansen

384 Seiten

Kiepenheuer & Witsch

(Hardcover, eBook)

 

Durch die Nacht

Stig Sæterbakken

288 Seiten

DuMont

(Hardcover, eBook)

 

So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche

Karl Ove Knausgård

288 Seiten

Luchterhand

(Hardcover, eBook)

 

Der andere Name

Jon Fosse

336 Seiten

Rowohlt

(Hardcover)

 

Viga-Ljot und Vigdis

Sigrid Undset

208 Seiten

Hoffmann und Campe

(Hardcover)

 

Eine moderne Familie

Helga Flatland

320 Seiten

Weidle

(Taschenbuch)

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